Es ist ungefähr das Jahr 5 vor
unserer Zeitrechnung.
Ein Berater stürmt aufgeregt in den himmlischen Thronsaal: „Sag, dass das nicht wahr ist, großer Gott! Du willst deinen Sohn in die Welt schicken? Zu den Menschen, zu diesen Menschen? Weißt du, dass das lebensgefährlich ist?
Und richtig zur Welt kommen soll er? Wie ein gewöhnliches Geschöpf? Als Baby? Aber du bist doch der Schöpfer!
Und dann der Geburtsort: Bethlehem! Gut, dort kommt David her – aber das ist Geschichte! Lange her! Wer spricht heute noch von Bethlehem? Ein Kaff!
Und die Eltern! Maria – das Mädchen kennt doch keiner! Und Josef ist Handwerker! Zimmermann! Das sind doch kleine Leute!
Als Geburtsort hast du eine Viehhöhle ausgesucht, heißt es! Also wirklich, ist im „King David“ in Jerusalem denn so gar nichts mehr frei? Soll ich mal anrufen?
Hirten sollen das Begrüßungskomitee bilden, habe ich gehört! Hirten! Wer nichts wird, wird Hirt!
Wenigstens der Bürgermeister sollte kommen! Wenigstens der! Das geht alles überhaupt nicht! Bedenke den Imageverlust! Das kriegst du nie wieder hin!“
Aber der große Gott lächelt ihn freundlich an: „Ja, ich mache mich ganz klein. Ich will für keinen mehr zu groß sein. Ich werde ohnmächtig. Ich will für keinen mehr zu stark sein. Ich komme meinen Menschen ganz nah. Ich komme in sie hinein, will mit ihren Augen sehen, mit ihren Ohren hören. Will fühlen wie sie, will denken wie sie.
Ich werde unbedeutend. Alle sollen sich zu mir trauen können.“
Gut 30 Jahre später meldet sich der Berater noch entrüsteter: „Jetzt lässt du dir den Prozess machen! Umgekehrt wär’s angemessen! Umgekehrt!
Gefoltert wird er, angespuckt, ausgelacht, ans Kreuz genagelt – das ist dein Sohn! Das bist du! Das hat ein Gott nun wirklich nicht nötig!
Wenn schon Sterben – ging nicht auch ein Attentat? Von Pharisäern ausgeheckt, oder besser noch von Römern? Das wäre halbwegs stilvoll! Dir glaubt keiner mehr, dass das dein Sohn ist!“
Aber Gott bleibt auch diesmal dabei:
„Ja, ich lasse mir den Prozess machen. Und ich nehme das Urteil an. Erleide die Strafe. Damit Menschen auf ewig straffrei ausgehen können. Anders kriegen wir das Problem der Schuld nicht weg. Ich gehe für sie den untersten Weg, bis in den Tod. Ich will wissen, was Sterben ist. Keiner soll mehr sagen können: Hier unten kennst du dich nicht aus.
Ich will sie mit Liebe überwältigen. Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben lässt für seine Freunde, habe ich ihnen ausrichten lassen.“
Krippe und Kreuz sind unvorstellbar. Undenkbar. Unglaubbar. Stellen alles auf den Kopf. Und gehören auf geheimnisvolle Weise zusammen. Und nicht nur weil’s so eine schöne Alliteration ist.
(Jürgen Werth)